Vergessene Dörfer im Bayerischen Wald – Spurensuche in der Stille

Vergessene Dörfer im Bayerischen Wald – Spurensuche in der Stille

Wo einst Menschen lebten, wuchert heute der Wald zurück. Der Bayerische Wald und seine Randgebiete sind durchzogen von Orten, die einmal bewohnt waren – Bauerndörfer auf kahlen Hochflächen, Grenzsiedlungen im Schatten des Eisernen Vorhangs, Glashüttendörfer ohne Perspektive. Wer die Augen offen hält, stößt beim Wandern immer wieder auf Mauerreste, einsame Kapellen oder von Moos überwucherte Kellerlöcher. Dieser Beitrag gibt eine Übersicht über die bedeutendsten Wüstungen im Bayerischen Wald – von Freyung-Grafenau im Süden bis in den Oberpfälzer Wald im Norden.


Was ist eine Wüstung?

Als Wüstungen bezeichnet man Orte, die dauerhaft von ihren Bewohnern aufgegeben wurden und heute entweder komplett verschwunden oder nur noch als Ruinen vorhanden sind. Im Bayerischen Wald gibt es dafür gleich mehrere historische Ursachen:

  • Extreme Lage und Unrentabilität: Viele Dörfer wurden auf Hochflächen über 1.000 Metern Höhe gegründet, wo die Winter bis zu sechs Monate dauern konnten und die Böden für die Landwirtschaft kaum geeignet waren.
  • Pest und Seuchen: Ganze Dörfer wurden in der Frühen Neuzeit ausgelöscht.
  • Feuer und Brandkatastrophen: Mehrere Orte wurden durch Brände vernichtet oder waren danach verlassen.
  • Der Eiserne Vorhang: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Grenzgebiet zu Tschechien zum Sperrgebiet. Dörfer wurden geschleift, Siedlungen aufgegeben – auf bayerischer wie auf böhmischer Seite.
  • Wirtschaftlicher Niedergang: Mit dem Ende der Glasindustrie und dem Rückgang der Salzhandelswege verloren viele Ortschaften ihre Existenzgrundlage.

Der Südliche Bayerische Wald: Das Dreieck der verschwundenen Fürstbischofdörfer

Leopoldsreut – das bekannteste vergessene Dorf

Kaum ein Ort steht symbolhafter für die Wüstungen des Bayerischen Waldes als Leopoldsreut, im Volksmund auch „Sandhäuser" genannt. Das Dorf liegt auf 1.110 Metern Höhe in der Gemeinde Haidmühle (Landkreis Freyung-Grafenau) und ist seit 1963 verlassen.

Gegründet wurde es 1618 durch Fürstbischof Leopold V. von Passau, der auf einem alten Handelspfad nach Böhmen eine Mautstelle errichten ließ. So entstand eine kleine Siedlung, die Reisenden Verpflegung und Rast bot. Doch der Niedergang des Salzhandels auf dem Goldenen Steig beraubte Leopoldsreut seiner wirtschaftlichen Grundlage. Die Bewohner lebten fortan von kargem Ackerbau auf den windigen Höhen des Haidels – bis die schneereichen Winter und die Abgeschiedenheit die letzten Familien vertrieben.

Was heute noch steht, ist beeindruckend: die restaurierte Sankt-Johannes-Nepomuk-Kapelle, das ehemalige Schulhaus (die bis 1955 höchstgelegene Volksschule Deutschlands) sowie ein Forsthaus. Entlang der früheren Dorfstraße informieren Schautafeln über die Geschichte der 21 einstigen Anwesen. Das Kreuz in der Kapelle wurde aus Eichenbalken der abgebrochenen Häuser geschnitzt – ein stilles Symbol des Abschieds.

Anfahrt/Ausgangspunkt: Wanderparkplatz bei Bischofsreut, Gemeinde Haidmühle; von dort ca. 1,5 km zu Fuß.


Schwendreut – das vergessene Dorf am Haidel

Nur wenige Kilometer von Leopoldsreut entfernt liegt Schwendreut, im Volksmund „Glosan" oder „Glaserhäuser" genannt – ein Hinweis auf die einstige Glashütte, die hier einmal betrieben wurde. Das Dorf in der Gemeinde Grainet wurde ebenfalls 1618 vom gleichen Fürstbischof Leopold gegründet, um die Grenze nach Böhmen zu sichern und Händlern wie Wilderern entgegenzuwirken.

Die Geschichte des Ortes ist von Schicksalsschlägen geprägt: Schon wenige Jahre nach der Gründung raffte die Pest alle Einwohner dahin. Das Dorf wurde neu besiedelt, kämpfte sich durch Jahrhunderte des Überlebens – und erlebte dann 1932 einen verheerenden Brand, der zur weiteren Abwanderung führte. 1921 hatte der Bayerische Staatsforst bereits alle Liegenschaften aufgekauft. 1957 verließ der letzte Schwendreuter Hof seinen Bewohner. Am 17. Oktober 1968 wurde der Ortsname offiziell gestrichen.

Übrig geblieben ist eine der schönsten Waldkapellen des Bayerischen Waldes: die Waldkapelle Schwendreut aus dem Jahr 1755, ein hölzerner Blockbau mit Zwiebelhaube, der heute unter Denkmalschutz steht und vom Kapellenverein Schwendreut liebevoll gepflegt wird. Jeden letzten Sonntag im Juli findet das traditionelle Schwendreuter Waldfest statt – ein Hauch Leben kehrt dann an diesen stillen Ort zurück.

Anfahrt/Ausgangspunkt: Gemeinde Grainet; Schwendreut liegt etwa drei Kilometer nördlich des Ortszentrums.


Herzogsreut – der dritte im Bunde

Wer Leopoldsreut und Schwendreut besucht, sollte auch das benachbarte Herzogsreut in seine Wanderung einbeziehen. Ebenfalls 1618 gegründet, ist es das einzige der drei „Fürstbischofdörfer" am Haidel, das heute noch bewohnt ist – aber als Ausgangspunkt für die Wanderung zu den Wüstungen dient die hübsche Pfarrkirche St. Oswald regelmäßig als Startpunkt für den empfehlenswerten Kirchensteig-Rundweg.


Der Vordere Bayerische Wald: Bergbauern auf der Hochfläche

Oberbreitenau – das älteste verschwundene Hochlagendorf

Im Landkreis Regen, auf einer über 1.000 Meter hohen Hochebene zwischen dem Breitenauriegel und dem Geißkopf, liegt die Wüstung Oberbreitenau bei Bischofsmais. Hier existierte über 350 Jahre lang das höchstgelegene Dorf im Vorderen Bayerischen Wald – ein erstaunlicher Zeugnis menschlicher Ausdauer gegen eine unwirtliche Natur.

1585 ließ der letzte Degenberger Burgherr auf der damals sogenannten „Praittenaw" neun Gehöfte errichten und mit Bergbauern besiedeln. Zwischen 1800 und 1850 zählte das Dorf bis zu 80 Einwohner. Hafer, Kartoffeln und Weißrüben gediehen auf den nassen Moorböden – die Ernte wurde nicht selten eingeschneit. Als die Glashütte im nahen Unterbreitenau 1755 stillgelegt wurde, fiel auch die letzte bedeutende Einnahmequelle weg.

Ab 1925 kaufte der Freistaat Bayern die verlassenen Anwesen auf; das letzte Gehöft wurde 1956 aufgegeben. Die Gebäude verfielen, der Wald rückte vor. Heute sind einige Hofgrundrisse wieder freigelegt, Infotafeln erklären das harte Leben der Bergbauern. Das ehemalige Landshuter Haus (ursprünglich der Greilhof) dient noch immer als bewirtschaftete Berghütte des Bayerischen Wald-Vereins. Die Hochmoorfläche ist seit 1982 Naturdenkmal.

Anfahrt/Ausgangspunkt: Talstation des Geißkopf-Skigebiets, Unterbreitenau 1, 94253 Bischofsmais; ca. 3 km Wanderweg zum verlassenen Dorf.


Wachsenberg – das stille Dorf im Landkreis Straubing

Weniger bekannt, aber für Wanderer im Bereich Wiesenfelden (Landkreis Straubing-Bogen) ein interessantes Ziel ist die Wüstung Wachsenberg, auch „Waxenberg" geschrieben. Das verschwundene Dorf liegt etwa 4,5 Kilometer südöstlich von Wiesenfelden im Wald und ist ausschließlich über Forstwege erreichbar. Sichtbar sind heute noch ein Kellergewölbe und ein altes Kreuz – mehr ist vom Dorf kaum übrig. Es ist ein stiller, wenig besuchter Ort, der für diejenigen besonders reizvoll ist, die abseits der ausgeschilderten Touristenpfade auf Spurensuche gehen möchten.

Hinweis: Erreichbar über Forstwege nahe der Windkraftanlage Schiederhof bei Wiesenfelden.


Der Nördliche Bayerische Wald und Oberpfälzer Wald: Kalter Krieg und Vertreibung

Bügellohe – das Geisterdorf der Sudetendeutschen

Im Naturraum des Südlichen Oberpfälzer Waldes, nordöstlich von Stadlern bei der Stadt Schönsee, liegt eine Wüstung mit besonders bewegender Geschichte: Bügellohe. Sie befindet sich direkt an der deutsch-tschechischen Grenze, etwa 15 Kilometer südlich des Grenzübergangs Waidhaus.

Bügellohe ist keine mittelalterliche Wüstung – sie entstand erst zwischen 1946 und 1969. Elf Sudetendeutsche Familien, die aus den böhmischen Dörfern Wenzelsdorf und Rappauf stammten, hatten sich auf den bayerischen Bergsattel zurückgezogen, um der Vertreibung aus der Tschechoslowakei zu entgehen. Sie bauten sich Häuser aus Feldsteinen, hielten Vieh und versuchten in dem abgelegenen Waldgebiet eine neue Heimat zu schaffen – ohne Strom, ohne fließendes Wasser, ohne Straßenanschluss.

Die bayerischen Behörden lehnten alle Förderanträge ab. Das Leben im langen Winter war kaum zu ertragen. Nach und nach verließen die meisten Familien die Siedlung; die Mehrzahl zog 1957 und 1958 weg. Den letzten Bewohner, den Landwirt Josef Licha, drehte der Bayerische Rundfunk 1966 in einer Dokumentation – zuletzt hatte er nur noch eine halbwilde Katze als Gesellschaft. 1969 verließ er die Bügellohe endgültig.

Heute sind die Gebäude stark verfallen und einsturzgefährdet. Im gesicherten „Fleischhackerhaus" ist seit 2011 eine kleine Ausstellung zur Geschichte der Siedlung untergebracht. Eine geführte Wanderung mit historischer Szene macht die Geschichte besonders lebendig.

Anfahrt/Ausgangspunkt: Wanderparkplatz „Vierziger", ca. 1 km hinter den letzten Häusern von Stadlern in Richtung Schönsee; 2,9 km Wanderweg zu den Ruinen.


Grafenried (Lučina) und die verschwundenen Dörfer des Böhmerwalds

Rund um den Grenzübergang Untergrafenried bei Waldmünchen (Landkreis Cham) findet man auf böhmischer Seite die Überreste einer ganzen Gruppe verschwundener Dörfer: Grafenried (tsch. Lučina), Anger (Upor), Seeg (Pila) und Haselbach (Lísková). Zusammen lebten dort einmal rund 800 Menschen.

Infolge des Zweiten Weltkriegs wurde die deutsche Bevölkerung 1945/46 vertrieben. Nach der Sperrgebietsverkündung wurden alle von deutscher Seite einsehbaren Orte systematisch dem Erdboden gleichgemacht – Häuser, Schulen, Kirchen und Schlösser. Der Eiserne Vorhang machte das Grenzgebiet für Jahrzehnte unzugänglich.

Seit der Grenzöffnung arbeiten bayerische und tschechische Historiker und Heimatforscher gemeinsam daran, die Geschichte der Orte zu bewahren. In Grafenried wurden ab 2011 die Überreste der Kirche freigelegt und pietätvoll renoviert; seit 2012 wird auch der ehemalige Pfarrhof ausgegraben. Ein grenzüberschreitender Wanderweg mit Markierung verbindet Untergrafenried mit der Ausgrabungsstätte. In der ehemaligen Glashütte Seeg sind noch Reste zweier Mühlen sichtbar.

Anfahrt/Ausgangspunkt: Wanderparkplatz kurz vor dem Grenzübergang Untergrafenried, ca. Untergrafenried 40, 93449 Waldmünchen; ca. 1 km Fußweg zur Ausgrabungsstätte.


Überblicktabelle: Verlassene Dörfer im Bayerischen Wald

Ort Region Verlassen Grund Was ist noch zu sehen?
Leopoldsreut LK Freyung-Grafenau 1963 Unwirtlichkeit, Abgeschiedenheit Kapelle, Schulhaus, Schautafeln
Schwendreut LK Freyung-Grafenau 1957 Brand, Unrentabilität Waldkapelle (1755), Rastplatz
Oberbreitenau LK Regen 1956 Unrentabilität Hofgrundrisse, Landshuter Haus
Wachsenberg LK Straubing-Bogen unbekannt unbekannt Kellergewölbe, Kreuz
Bügellohe Oberpfälzer Wald 1969 Kalter Krieg, Armut Fleischhackerhaus mit Ausstellung
Grafenried/Lučina Böhmerwald (CZ) 1945/46 Vertreibung, Eiserner Vorhang Kirchenruine, Ausgrabungsstätte
Anger/Upor Böhmerwald (CZ) 1945/46 Vertreibung Ruinenreste
Seeg/Pila Böhmerwald (CZ) 1945/46 Vertreibung Mühlenreste
Haselbach/Lísková Böhmerwald (CZ) 1945/46 Vertreibung Grundmauerreste

Tipps für Wanderungen zu den Wüstungen

Die bekanntesten Wüstungen sind gut erschlossen. Für Leopoldsreut, Schwendreut und Oberbreitenau gibt es ausgeschilderte Wanderwege, Infotafeln und teilweise Rastplätze. Bügellohe ist ebenfalls über einen markierten Pfad erreichbar.

Respekt vor der Geschichte. Viele dieser Orte sind Bodendenkmal oder stehen unter Denkmalschutz. Es gilt: Nichts mitnehmen, nichts verändern, keine Gegenstände aus den Ruinen entwenden.

Ruinen sind gefährlich. Besonders in Bügellohe sind die Gebäude einsturzgefährdet. Auf Absperrungen und Warnschilder achten.

Die beste Jahreszeit für solche Wanderungen ist der Herbst: Wenn Nebelschleier über den Rodungsflächen treiben und die Laubbäume sich färben, entfalten diese Orte ihre ganz eigene, melancholische Atmosphäre.

Geführte Touren bieten die Tourist-Informationen Waldmünchen (für Grafenried) und Haidmühle/Waldkirchen (für Leopoldsreut und Schwendreut) an. Im Oberpfälzer Wald organisiert auch das Tourismuszentrum Oberpfälzer Wald Wanderungen zur Bügellohe.


Weiterlesen und Vertiefen

Wer sich intensiver mit dem Thema beschäftigen möchte, findet im EU-Projekt „Denkwürdige Landschaften" eine digitale Sammlung der verlassenen Orte im Bayerischen Wald und angrenzenden Böhmerwald mit ausführlichen Beschreibungen und historischen Fotos. Für die Oberpfalz hat der Bayerische Landesverein für Familienkunde eine umfangreiche Liste der Wüstungen zusammengestellt.

Die Wüstungen des Bayerischen Waldes sind mehr als nur pittoreske Wanderziele. Sie sind Erinnerungsorte – an das harte Leben der Bergbauern und Glasmacher, an die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und die Jahrzehnte des Kalten Krieges. Wer durch das Unterholz streift und auf ein altes Kreuz oder ein Mauerwerk stößt, berührt Geschichte mit den Händen.


Haben Sie selbst Orte besucht, die in diesem Beitrag nicht erwähnt sind? Schreiben Sie uns in den Kommentaren – der Bayerische Wald hält noch viele vergessene Ecken bereit, die darauf warten, entdeckt zu werden.