Klack-klack-klack! Wenn die Kinder die Glocken ersetzen — der Ratschenbrauch im Bayerischen Wald

Klack-klack-klack! Wenn die Kinder die Glocken ersetzen — der Ratschenbrauch im Bayerischen Wald

Gründonnerstag, früher Abend. Die Kirchenglocken läuten zum letzten Mal. Dann — Stille. Bis die Kinder kommen.


Wer in diesen Tagen durch die Dörfer des südlichen Bayerischen Waldes spaziert, hört es schon von weitem: ein trockenes, rhythmisches Klackern und Rattern, das die Gassen entlangrollt wie eine hölzerne Welle. „Klack-klack-klack-klack-klack!" — das sind nicht die Kirchenglocken. Das sind die Ratschebuben und Ratschenmädeln, die sich auf den Weg gemacht haben.

Ab morgen Abend, am Gründonnerstag, beginnt der alte Brauch des Ratschens. Und er endet erst, wenn in der Osternacht wieder das Gloria erklingt.


Die Glocken fliegen nach Rom

Die Geschichte hinter dem Brauch ist einfach und poetisch zugleich: Am Gründonnerstag, nach dem Gloria der Messe vom Letzten Abendmahl, verstummen die Kirchenglocken. Sie schweigen den gesamten Karfreitag und Karsamstag — bis zum Gloria der Osternacht. Der Grund? Im Volksmund heißt es seit Jahrhunderten: Die Glocken sind nach Rom geflogen. Genauer gesagt: ihre Klöppel, die Glockenschlägel. Sie machten sich auf die Reise, um in der ewigen Stadt geweiht zu werden.

Das Schweigen der Glocken hat einen tiefen liturgischen Sinn. Die Kirchenglocken klingen festlich, fröhlich, triumphal — und das ist in der Zeit der Grabesruhe Jesu, zwischen Tod und Auferstehung, schlicht nicht angemessen. Doch die Dörfer brauchen weiterhin ihren Rhythmus: die Einladung zum Gebet, den Ruf zum Gottesdienst, das Läuten zum Angelus um sechs, um zwölf, um achtzehn Uhr.

Diese Aufgabe übernehmen die Kinder.


Ein Brauch mit tausend Jahren Geschichte

Das Ratschen ist kein junger Brauch. Bereits aus der Zeit Karls des Großen im 8. Jahrhundert gibt es Hinweise, dass während der Heiligen Drei Tage mit hölzernen Lärminstrumenten gerufen wurde. Damals gab es in vielen Kirchen noch gar keine Glocken — stattdessen hingen große hölzerne Schallgeräte mit Hämmern in den Türmen.

Schriftlich belegt ist der Brauch bereits 1534: Der Humanist Sebastian Franck beschreibt in seinem „Weltbuch", wie man mit einem „klopffenden karren vnd vil tafeln in der statt herumb" das Volk in die Kirche zur Passion ruft. Und auch Wolfgang Amadeus Mozart hat die Ratsche unsterblich gemacht — er verwendete sie als Instrument in seiner „Berchtesgadener Symphonie".

2015 nahm die Österreichische UNESCO-Kommission das Ratschen offiziell in das nationale immaterielle Kulturerbe auf. Im Bayerischen Wald lebt der Brauch, teils ungebrochen, bis heute.


Das Instrument: Holz, Kurbel, Krach

Was ist eigentlich eine Ratsche? Im Kern ist sie ein massiver Resonanzkörper aus Holz — oft Eiche oder Ahorn — von etwa 30 Zentimetern Länge. Durch Drehen einer Kurbel wird eine gezahnte Walze (traditionell aus Buche) in Bewegung gesetzt. Diese hebt Holzleisten aus Eschenholz an, die beim Zurückschnellen jenes charakteristische, knatternde Geräusch erzeugen.

Es gibt verschiedene Bauarten: die kleine Handratsche, die man schwungvoll im Kreis dreht; die Flügelratsche, im Bayerischen Wald besonders verbreitet; die Drehratsche, die man mit einer Kurbel bedient; und sogar große Kastenratschen oder Turmratschen für den Kirchturm. Jede Holzart bringt ihren eigenen Klang — und jeder erfahrene Ratschenbauer weiß: das Holz muss trocken sein, sonst stimmt der Ton nicht.

Handgemachte Ratschen aus Meisterhand sind heute selten geworden. Es gibt noch einige wenige Handwerker, die dieses alte Holzhandwerk pflegen — und die damit einen echten Beitrag zur Bewahrung des Brauchtums leisten.


So läuft es ab — Schritt für Schritt

Der Zeitplan des Ratschens ist fest und seit Generationen überliefert:

Gründonnerstag, abends: Die Glocken läuten zum letzten Mal. Mit dem Gloria der Messe beginnt die stille Zeit — und die Kinder ziehen das erste Mal durch das Dorf.

Karfreitag: Dreimal ratschen die Kinder: frühmorgens, mittags und abends. Sie ersetzen damit das Angelusläuten und kündigen die Karfreitagsliturgie an. In manchen Orten läuft die Gruppe dabei mit einem sogenannten „Klappermeister" oder „Vorklapperer" an der Spitze — dem ältesten und erfahrensten Ratscher, der Tempo und Rhythmus vorgibt.

Karsamstag, morgens: Ein letzter Durchgang durch die Dörfer. Dann wartet man auf die Nacht.

Osternacht: Beim Gloria erklingen endlich wieder die Kirchenglocken. Die Ratschen werden niedergelegt. Ostern ist da.

Zwischen dem rhythmischen Rattern wechseln die Kinder auf traditionelle Sprüche — je nach Ort unterschiedlich, aber oft in dieser Form:

„Wir ratschen, wir ratschen zum englischen Gruß, den jeder katholische Christ beten muss. Fallet nieder auf eure Knie, betet ein Vaterunser, drei Ave Marie."

Als Gegenleistung bekommen die Kinder von den Hausbewohnern kleine Geldbeträge — die dann, wie es heißt, „gerecht oder ungerecht" unter den Ratscherbuben aufgeteilt werden.


Warum solche Bräuche so wertvoll sind

In einer Zeit, in der vieles verschwimmt und austauschbar wird, haben Bräuche wie das Ratschen eine Kraft, die man nicht unterschätzen sollte. Sie tun etwas, das kein Algorithmus, keine App und kein Streaming-Dienst leisten kann: Sie machen einen Ort zu einem Ort.

Wenn die Kinder im Morgengrauen des Karfreitags durch die Dorfgasse rattern und die Schläfer wecken, dann ist das mehr als Lärm. Es ist ein Signal: Wir sind noch da. Wir erinnern uns. Wir übergeben weiter. Das Wissen, wie eine Ratsche gehalten wird, wie der Spruch geht, wann man anfängt und wann man aufhört — all das wandert von Generation zu Generation, von Geschwistermund zu Geschwistermund, von erfahrenem Vorklapperer zu neugierigem Erstläufer.

Bräuche schaffen gemeinsame Zeit in einer Welt voller individueller Zeitzonen. Sie geben dem Jahr seine Gestalt, den Orten ihre Seele, den Menschen ihre Herkunft. Gerade im Bayerischen Wald, der seine Identität so stark aus dieser volkskulturellen Tiefe schöpft, sind sie kein museales Relikt — sie sind lebendige Gegenwart.


Ein Pfarrer, seine Tauben und eine vergessene Tradition

Und weil der südliche Bayerische Wald auch sonst keine gewöhnliche Gegend ist, gibt es aus dem kleinen Ort Grainet — einem 600-Seelen-Dorf im Landkreis Freyung-Grafenau — eine Geschichte, die eigentlich noch erstaunlicher ist als das Ratschen.

Pfarrer Dr. Michael Gnan hat dort über viele Jahre eine mittelalterliche kirchenmusikalische Tradition wiederbelebt, von der die meisten Menschen noch nie gehört haben: den Schellenflug der Tauben.

In seinem Stall hinter dem Pfarramt züchtete Gnan etwa 80 Tauben. Die Tiere tragen leichte, bis zu 20 Gramm schwere chinesische Schellen im Gefieder. Wenn sie gemeinsam aufsteigen, erzeugen sie einen eigenartigen, faszinierenden Pfeifton — die „Musik des Windes". Gnan dressierte die Tiere über Jahre, sodass sie auf seinen Wink hin einzeln, in Gruppen oder gemeinsam in die Höhe steigen. Auf einem blauen oder roten Kasten landen sie nach seiner Einladung wieder.

Den Hinweis auf den historischen Hintergrund fand er in einer Tischrede Martin Luthers aus dem Jahr 1532 — der Reformator schrieb darin über das Brauchtum, Gott „mit tauben schellen" zu loben. Luther wollte diesen mittelalterlichen Brauch nicht gutheißen, und in der Neuzeit geriet er in Vergessenheit. Für Gnan stand fest: Das ist eine uralte, im Abendland verschollene liturgische Praxis.

Er setzte die Tauben fortan bei Pfingstmessen, Ostern, Kommunionen, Firmungen und Hochzeiten ein. Auch für blinde Menschen wurde der Flug zu einem besonderen Erlebnis — sie konnten durch das Geräusch der Tauben die Dimensionen des Kirchenraums geradezu ertasten. Beim Regensburger Katholikentag erklang die Musik des Windes zu einer Orchestersinfonie von Antonín Dvořák.

Pfarrer Gnan hat Grainet inzwischen verlassen — er wurde als Seelsorger für Flüchtlinge ostkirchlicher Kirchen nach Passau berufen. Doch die Geschichte seiner Tauben bleibt: ein kleines Wunder aus dem Bayerischen Wald, das zeigt, wie viel in alten Traditionen noch schlummert, wenn jemand genau genug hinschaut.


Klack-klack-klack

Morgen Abend also beginnt es wieder. Irgendwo zwischen Grafenau und Waldkirchen, zwischen Ringelai und Grainet, werden Kinder ihre Ratschen aus dem Schrank holen, die richtigen Griffe üben, den Spruch heraufsagen. Morgen früh werden sie die Schläfer wecken. Übermorgen werden sie es noch einmal tun.

Und wer zuhört — nicht nur mit den Ohren, sondern wirklich zuhört — der wird verstehen, dass dieses hölzerne Klackern kein Lärm ist. Es ist eine Form von Treue.


Die Karwoche beginnt am Gründonnerstag. Das Ratschen endet mit dem Gloria der Osternacht in der Nacht von Karsamstag auf Ostersonntag.

Wer den Brauch in der Region erleben möchte, findet ihn unter anderem in den Orten des Nationalpark-FerienLands Bayerischer Wald sowie im Landkreis Freyung-Grafenau.