Atommüll-Endlager im Bayerischen Wald? Der aktuelle Stand, die Geologie und der wachsende Widerstand

Atommüll-Endlager im Bayerischen Wald? Der aktuelle Stand, die Geologie und der wachsende Widerstand
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Ein ausführlicher Bericht über Deutschlands ungelösteste Entsorgungsfrage – und was sie für unsere Heimat bedeuten könnte.


Das Problem, das nicht verschwindet

Seit über sechzig Jahren erzeugt Deutschland Strom aus Atomkraftwerken. Am 15. April 2023 ging das letzte AKW endgültig vom Netz. Was bleibt, ist eine Erbschaft, die noch in einer Million Jahren gefährlich ist: rund 27.000 Kubikmeter hochradioaktiver Müll, aufbewahrt in knapp 1.800 Castor-Behältern, verteilt auf 16 oberirdische Zwischenlager quer durch die Republik. Ein dauerhafter Ort, an dem diese Abfälle sicher und endgültig gelagert werden können, existiert bis heute nicht.

Für viele Menschen im Bayerischen Wald ist das kein abstraktes Bundesthema. Der sogenannte Saldenburger Granit – ein Granitstock im Dreieck der Landkreise Freyung-Grafenau, Deggendorf, Passau und Regen – steht seit Jahrzehnten auf der Liste möglicher Kandidaten. Und er steht sie noch immer drauf.


Der bundesweite Suchprozess: Wo stehen wir?

Die zuständige Bundesgesellschaft für Endlagerung mbH (BGE) hat den gesetzlichen Auftrag, einen geeigneten Standort für das tiefengeologische Endlager hochradioaktiver Abfälle zu finden. Die Suche läuft seit 2017 auf Basis des Standortauswahlgesetzes (StandAG) – und sie ist ein Mammutprojekt, dessen Ende noch lange nicht in Sicht ist.

Das Verfahren gliedert sich in drei große Phasen:

  1. Phase I: Auswahl von Standortregionen auf Basis geologischer Daten (aktuell laufend)
  2. Phase II: Übertägige Erkundung ausgewählter Standortregionen
  3. Phase III: Untertägige Erkundung und finale Entscheidung durch den Deutschen Bundestag

Im September 2020 veröffentlichte die BGE ihren ersten Zwischenbericht Teilgebiete: 90 Gebiete mit günstigen geologischen Voraussetzungen wurden identifiziert – das entsprach damals 54 Prozent der deutschen Landesfläche. In den Jahren 2024 und 2025 wurden im Rahmen der sogenannten repräsentativen vorläufigen Sicherheitsuntersuchungen (rvSU) nach und nach Gebiete aus dem Rennen genommen oder bewertet.

Aktueller Stand (November 2025): Laut dem jüngsten BGE-Arbeitsstand sind noch rund 25 Prozent der deutschen Fläche im Verfahren – in allen Bundesländern außer dem Saarland und Rheinland-Pfalz. Die BGE hat dabei erstmals auch besser geeignete Regionen ausgewiesen, auf die ein besonders kritischer Blick fällt.

Bis Ende 2027 soll die erste Phase abgeschlossen sein, mit einem Vorschlag für konkrete Standortregionen zur übertägigen Erkundung. Die endgültige Entscheidung trifft der Bundestag per Bundesgesetz.

Der Zeitplan: Vom Wunsch zur Realität

Ursprünglich sah das Standortauswahlgesetz vor, bis 2031 einen Endlagerstandort zu benennen. Dieses Ziel ist längst Makulatur. Im März 2026 bestätigte ein Referentenentwurf des Bundesumweltministeriums, was Insider schon länger ahnten: Das Zieljahr 2031 wurde ersatzlos gestrichen. Eine gesetzliche Frist sei nicht kompatibel mit den wissenschaftlichen Anforderungen an ein solches Auswahlverfahren, heißt es zur Begründung.

Eine Studie des Öko-Instituts Freiburg im Auftrag des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Selbst unter idealen Bedingungen sei frühestens 2074 mit einer Standortentscheidung zu rechnen. Das Endlager selbst – also der fertige, betriebsbereite Untertagebau – dürfte dann noch Jahrzehnte auf sich warten lassen. Der hochradioaktive Müll wird also noch weit ins nächste Jahrhundert in oberirdischen Hallen lagern, deren Genehmigungen zum Teil bereits ausgelaufen sind oder auslaufen werden.


Die Geologie: Was macht ein Endlager sicher?

Das Grundprinzip der tiefengeologischen Endlagerung ist so simpel wie anspruchsvoll: Der Abfall soll in einer Tiefe zwischen 300 und 1.500 Metern so eingeschlossen werden, dass er für eine Million Jahre von Mensch und Umwelt ferngehalten wird. Technische Barrieren – dickwandige Kupferbehälter, spezielle Verfüllmaterialien – sollen versagen dürfen, ohne dass es zu einem unkontrollierten Austritt von Radioaktivität kommt. Die eigentliche Last tragen die geologischen Barrieren: das Gestein selbst.

Das Standortauswahlgesetz schreibt drei mögliche Wirtsgesteine vor:

Steinsalz

Salz hat eine außergewöhnliche Eigenschaft: Es ist nahezu wasserdicht und kriecht unter Druck langsam, was Risse schließt. Norddeutschland besitzt ausgedehnte Salzformationen und Salzstöcke, die ursprünglich als vielversprechend galten. Das prominente Beispiel Gorleben wurde jedoch im Jahr 2020 endgültig als ungeeignet aus dem Verfahren genommen – nicht wegen geologischer Unzulänglichkeit allein, sondern auch nach Jahrzehnten politischer Kontroverse und dem Nachweis erheblicher Verfahrensfehler bei seiner ursprünglichen Auswahl. Flache Steinsalzformationen in Norddeutschland (Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hamburg) werden weiterhin untersucht.

Tongestein

Ton ist plastisch, hat eine sehr geringe Durchlässigkeit und kann Radionuklide chemisch binden. Tonformationen gibt es im Süddeutschen Raum (z.B. Opalinuston in Baden-Württemberg und Bayern), aber auch in Norddeutschland und Brandenburg. In anderen europäischen Ländern wie Frankreich und der Schweiz wird Ton als primäres Wirtsgestein für das Endlager verfolgt. Bayern hat mit dem Opalinuston und der Unteren Meeresmolasse eigene Tonvorkommen im Spiel – von denen mehrere Teilgebiete im Zuge der rvSU bereits als ungeeignet eingestuft wurden.

Kristallingestein (Granit, Gneis)

Kristallingesteine sind die härtesten der drei Wirtsgesteine. Sie sind chemisch stabil und langzeitig beständig. Finnland und Schweden, die weltweit am weitesten fortgeschrittenen Länder bei der Endlagersuche, verfolgen ausschließlich den Kristallin-Weg. In Deutschland findet sich Kristallin vor allem in Ostbayern (Bayerischer Wald, Oberpfalz), in Sachsen, Thüringen und im Schwarzwald.

Der entscheidende Unterschied zu Skandinavien: Das Kristallingestein in Schweden und Finnland ist tektonisch weitgehend ungestört und weist deutlich weniger Trennflächen auf als das deutsche Pendant. Zudem gelten dort niedrigere Anforderungen – der Sicherheitsnachweis muss nur für 100.000 Jahre (Finnland) bzw. 10.000 Jahre (Schweden) geführt werden, nicht für eine Million Jahre wie in Deutschland.


Der Bayerische Wald unter der Lupe: Der Saldenburger Granit

Geologischer Steckbrief

Der Saldenburger Granit ist Teil des Bayerischen Grundgebirges, das geologisch zum Moldanubikum gehört – einem alten, variszisch gefalteten Gesteinsverband, der den zentralen Teil des Bayerischen Waldes und der Oberpfalz aufbaut. Er entstand vor rund 300 Millionen Jahren durch Intrusionen von Magma in der Erdkruste.

Das Teilgebiet TG 013_00 (Moldanubikum) ist das für den Bayerischen Wald relevanteste Kristallin-Teilgebiet im BGE-Verfahren. Es erstreckt sich über Teile von Baden-Württemberg und Bayern. Daneben sind für Ostbayern auch die Teilgebiete TG 009 (Saxothuringikum) und TG 010 (Mitteldeutsche Kristallinzone) von Bedeutung, die sich über mehrere Bundesländer erstrecken.

Die physikalischen Argumente für den Granit sind auf den ersten Blick nachvollziehbar: Das Gestein ist chemisch stabil, liegt in großer Tiefe vor und bietet verhältnismäßig homogene Bedingungen. Die BGR stellte bereits 1995 in einer Studie fest, der Saldenburger Granit sei „bedingt als Standort geeignet" – positiv bewertet wurde die relativ homogene Zusammensetzung und die geringe Bevölkerungsdichte der Region.

Das entscheidende geologische Problem: Zerklüftung

Doch der Teufel steckt im Detail – genauer gesagt in den Rissen. Das Kristallingestein im Bayerischen Wald ist tektonisch beansprucht und weist zahlreiche Trennflächen, Klüfte und Störungszonen auf. Der Saldenburger Granit liegt zudem zwischen zwei größeren Störungszonen, was seismische Aktivität nicht ausschließt. Wasser bahnt sich durch diese Risse seinen Weg und könnte im Laufe der Jahrtausende gelöste Radionuklide transportieren.

Landrat Sebastian Gruber (CSU) aus Freyung-Grafenau fasst die geologische Einschätzung so zusammen: Der Granit im Bayerischen Wald ist zerklüftet, weist Trennflächen und bewegliche Spalten auf und hat im Vergleich zu Salz und Ton fachlich eindeutig die schlechtere Schutzwirkung. Eine Bewertung der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) aus dem Jahr 2007 kam zu einem ähnlichen Ergebnis: Der Bayerwald-Granit habe nicht die geforderte geologische Barriere-Wirkung.

Auch das Bayerische Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz betont in seiner offiziellen Haltung: Zerklüftetes Kristallingestein, wie es vorwiegend in Bayern zu finden ist, könne die geforderte Sicherheit über eine Million Jahre nicht gewährleisten. Die Anforderungen an das Kristallin in Deutschland seien deutlich strenger als in Schweden oder Finnland – eben weil in Deutschland ein Auswahlwettbewerb zwischen verschiedenen Gesteinstypen stattfindet.

Die praktische Anschauung bestätigt die Theorie: Wer mit dem lokalen Bürgermeister einen alten Steinbruch im Woid besucht, sieht die Risse mit bloßem Auge. Nicht umsonst liefern manche Steinbrüche im Bayerischen Wald große Blöcke, andere nur Splitt in unterschiedlichsten Körnungen – ein sichtbares Zeichen für eine Formation, die keine kompakte Einheit bildet.

Aktueller BGE-Bewertungsstand für Bayern

Im Zuge der rvSU-Arbeitsstände von 2024 und 2025 wurden mehrere bayerische Teilgebiete aus dem Verfahren genommen oder als wenig geeignet eingestuft:

  • Weite Teile Frankens nördlich der Achse Ansbach–Nürnberg wurden als ungeeignet klassifiziert.
  • Teile der nördlichen Oberpfalz schieden aus.
  • Regionen rund um den Chiemsee sowie ein Gebiet in Niederbayern zwischen Landshut und der österreichischen Grenze wurden herausgenommen.
  • Mehrere Tongestein-Teilgebiete in Bayern (z.B. Teilgebiete 001, 002, 003) wurden bewertet und teils als ungeeignet oder wenig geeignet eingestuft.

Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber kommentierte den BGE-Arbeitsstand von November 2025 mit dem Hinweis, die bayerischen Gebiete, die die BGE jetzt erst aus dem Rennen genommen habe, hätten schon viel früher entfallen können. Er forderte, die verbleibenden bayerischen Gebiete rasch weiter zu prüfen und aus dem Verfahren auszuschließen.

Dennoch: Ein großer Bereich zwischen Nürnberg, Augsburg und dem Bayerischen Wald sowie Teile des Moldanubikums verbleiben laut dem aktuellen BGE-Navigatorkarten weiterhin im Prüfprozess. Der Landtagsabgeordnete Martin Behringer (FW) betont nach Einsicht in die interaktive BGE-Karte: Die Ergebnisse ließen ihn „nicht aufatmen".


Der Widerstand: Wer kämpft, und wie?

Die Bürgerinitiative – seit fast 30 Jahren im Einsatz

Die „Bürgerinitiative gegen ein Atommüllendlager im Saldenburger Granit e.V." wurde im Jahr 1996 gegründet – als Reaktion auf die BGR-Studie, die den Saldenburger Granit als „bedingt geeignet" eingestuft hatte. Gründungsmitglied und seit 1998 ununterbrochener Vorsitzender ist Martin Behringer, Bürgermeister der Gemeinde Thurmansbang (FWG). Heute ist er zudem Landtagsabgeordneter.

Die Initiative hat rund 300 Mitglieder: Privatpersonen, Vereine, Parteien, Gemeinden. Ihre Strategie ist nicht lautstark-emotional, sondern bewusst sachlich: Aufklärung, Vernetzung, Finanzierung von Gegenstudien. Man verweist gern auf das Beispiel Gorleben, wo nicht zuletzt durch Gegengutachten finanziert aus Mitgliedsbeiträgen die geologische Ungeeignetheit des Salzstocks am Ende dokumentiert werden konnte.

Behringer reist regelmäßig zu bundesweiten Veranstaltungen des BASE, um die Interessen der Region zu vertreten. Seine Botschaft ist klar und kompromisslos: „Wir wollen nicht das Atommülllager der Nation werden."

Eng verbunden mit der Bürgerinitiative ist der Bürgermeister von Saldenburg, Max König, der ebenfalls in führender Funktion aktiv ist. Beide Bürgermeister eint die Einschätzung, dass ein Endlager die Lebensqualität der gesamten Region zerstören würde: Wertverlust von Grundstücken, Ende des Tourismus, dauerhafte Militarisierung des Geländes, psychologische Belastung der Bevölkerung. „Das wäre Totschlag an der Region", so die lokale Stimmungslage.

Die politische Front: Bayern als geschlossene Abwehrfront

Bemerkenswert ist die breite politische Einigkeit in Bayern gegen ein Endlager im Freistaat – quer durch nahezu alle Parteien:

CSU/Freie Wähler: Im Koalitionsvertrag der bayerischen Landesregierung steht schwarz auf weiß: „Wir denken beim Schutz unserer Heimat über Generationen hinaus. Wir sind überzeugt, dass Bayern kein geeigneter Standort für ein Atomendlager ist." Ministerpräsident Markus Söder stellte sich bereits Stunden nach der Veröffentlichung des BGE-Berichts 2020 vor die Kamera und kritisierte das Verfahren. Auch der stellvertretende Vorsitzende der FW-Landtagsfraktion, Manfred Eibl, hält ein Endlager im Bayerischen Wald für geologisch nicht vertretbar und politisch inakzeptabel.

FDP: MdB Muhanad Al-Halak betonte, ein Endlager im Saldenburger Granit würde „die Zerstörung der Heimat bedeuten, tatsächlich und auch emotional".

Die Grünen: Hier liegt eine interessante Spannung vor. Während die lokale Ebene des BUND Naturschutz in Bayern den Prozess kritisch begleitet und Transparenz fordert, warnt Grünen-MdL Eike Hallitzky (selbst Mitbegründer der Saldenburger Bürgerinitiative) vor einem Bumerang-Effekt: Bayern könne nicht einerseits Atomkraft so lange wie möglich befürworten und andererseits kategorisch jede Verantwortung für die Lagerung des bayerischen Atommülls ablehnen. Sollte die Endlagersuche zum politischen Kräftemessen werden, wäre Bayern schlechter aufgestellt als gedacht.

Niederbayerische Landräte: Noch vor der Veröffentlichung des BGE-Zwischenberichts 2020 unterzeichneten niederbayerische Landräte und Landtagsabgeordnete ein gemeinsames Papier, das den Saldenburger Granit für ungeeignet erklärte. Landrat Sebastian Gruber (CSU, Freyung-Grafenau) bleibt bei dieser Haltung: Granit sei im Vergleich zu Ton und Salz das „deutlich schlechtere Wirtsgestein".

Der Vergleich mit Gorleben und Wackersdorf: Historisches Gedächtnis

Die Menschen im Bayerischen Wald erinnern sich gut an die Auseinandersetzungen um die geplante atomare Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf in den 1980er Jahren – bis zu 80.000 Menschen demonstrierten, es kam zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei, das Projekt wurde 1989 aufgegeben. Bürgermeister Behringer sagt dazu offen: „Wackersdorf war das beste Beispiel. Dieser Widerstand wäre auch bei uns sofort da."

Auch das Vorbild Gorleben wirkt nach: Über Jahrzehnte hindurch war der Salzstock in Niedersachsen das Zielobjekt des deutschen Anti-Atom-Widerstands. Dieser Widerstand war am Ende erfolgreich, aber er hat auch gezeigt, was es kostet – an Zeit, gesellschaftlichem Aufwand und regionalem Trauma. Im Bayerischen Wald will man es gar nicht erst so weit kommen lassen.


Bundesweiter Vergleich: Wer sind die anderen Kandidaten?

Deutschland hat drei Gesteinstypen im Rennen, und entsprechend unterschiedliche Regionen stehen zur Debatte. Ein grober Überblick:

Norddeutschland: Steinsalz

Die Salzformationen in Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt gehören zu den am längsten diskutierten Kandidatenregionen. Salzstöcke wie in Gorleben wurden aus dem Verfahren genommen, doch flache Steinsalzformationen (z.B. Glückstadt-Graben, Westschleswig-Block, Solling-Becken, Teile des Thüringer Beckens) verbleiben im Rennen. Norddeutschland hat eine hohe geologische Datendichte durch die Öl- und Gasexploration, was die Bewertung erleichtert, aber auch bedeutet, dass die Region besser untersucht – und damit klarer bewertet – werden kann.

Mitteldeutschland und Ostdeutschland: Ton und Kristallin

In Brandenburg und Sachsen stehen bestimmte Tonformationen (Oberkreide Ost) und Kristallingebiete (Saxothuringikum, Mitteldeutsche Kristallinzone) zur Prüfung. Der Strukturwandel nach dem Kohleausstieg prägt diese Regionen – Landräte in der Lausitz lehnen zusätzliche Belastungen vehement ab. Auch hier formiert sich breiter Widerstand.

Baden-Württemberg und Süddeutschland: Ton und Kristallin

Im Schwarzwald und in Teilen Baden-Württembergs gibt es Kristallinvorkommen. Auch Tongestein (Opalinuston, verbreitet im süddeutschen Raum) spielt eine Rolle – die Schweiz und Frankreich setzen auf ähnliche Formationen für ihre nationalen Endlager.

Die Gerechtigkeitsfrage

Eine politisch höchst explosive Frage liegt implizit über allem: Wer hat den meisten Strom aus Atomkraftwerken verbraucht, und wer produziert den meisten Müll? Bayern war Standort mehrerer großer AKWs (Isar I und II, Grafenrheinfeld, Gundremmingen). Die rhetorische Frage, warum ausgerechnet Niedersachsen oder Brandenburg den Müll nehmen solle, den Bayern produziert hat, taucht immer wieder auf – und sie ist nicht leicht zu beantworten.

Das Standortauswahlgesetz ist bewusst so konstruiert, dass allein Sicherheitskriterien entscheiden sollen, keine politische Arithmetik. Die Realität ist komplizierter.


Was dem Bayerischen Wald droht – und was nicht

Wahrscheinlichkeit: Eine nüchterne Einschätzung

Eine abschließende Antwort auf die Frage, ob der Bayerische Wald Endlager-Kandidat wird, kann zum jetzigen Zeitpunkt niemand seriös geben. Das Verfahren ist offen, die Karten sind noch nicht ausgespielt. Einige Faktoren sprechen jedoch eher gegen den Saldenburger Granit als finalen Standort:

Argumente dagegen:

  • Die BGR-Bewertung von 2007 verneinte die Eignung des Bayerwald-Granits explizit.
  • Das Kristallingestein im Bayerischen Wald ist tektonisch beansprucht und weist deutlich mehr Trennflächen auf als das skandinavische Kristallin.
  • Deutschland hat mit Tongestein und Steinsalz zwei alternative Wirtsgesteine, die in vergleichbaren Ländern (Frankreich, Schweiz) als sicherer gelten.
  • Die BGE hat im Laufe des Verfahrens bereits zahlreiche bayerische Gebiete ausgeschieden.
  • Der politische und gesellschaftliche Widerstand im Freistaat ist extrem hoch – bis in die Landesregierung hinein.

Argumente dafür (oder zumindest Faktoren, die das Thema nicht verschwinden lassen):

  • Das Moldanubikum-Teilgebiet (TG 013) verbleibt weiterhin im Verfahren.
  • Die BGE betont, ihr Prozess sei rein wissenschaftsbasiert – politischer Druck spielt formal keine Rolle.
  • Mehrere bayerische Gebiete sind noch nicht abschließend bewertet.
  • Die Bevölkerungsdichte im südlichen Bayerischen Wald ist tatsächlich gering, was ein sachliches Planungsargument sein kann.
  • Solange der Bundestag keine endgültige Standortentscheidung trifft, ist kein Gebiet „für immer aus dem Rennen".

Die BGE-Sprecherin Dagmar Dehmer formuliert es nüchtern: Selbst als ungeeignet eingestufte Gebiete seien nicht definitiv ausgeschieden, solange der Bundesgesetzgeber kein entsprechendes Gesetz verabschiedet habe. Erst wenn der Bundestag per Gesetz die Standortregionen festlegt, gibt es Rechtssicherheit.

Wahrscheinlichkeit einer Endlagerung im Bayerischen Wald: Nach dem aktuellen Stand der Sicherheitsuntersuchungen und der geologischen Datenlage erscheint es wissenschaftlich wenig wahrscheinlich, dass der Saldenburger Granit oder angrenzende Kristallinbereiche am Ende als Endlagerstandort ausgewählt werden. Die Geologie spricht dagegen, und es gibt stärker geeignete Alternativen. Sicher ausgeschlossen ist es allerdings nicht – solange das Verfahren läuft, bleibt eine Restungewissheit bestehen.

Was jetzt konkret zu erwarten ist

In den kommenden Jahren sind folgende Entwicklungen wahrscheinlich:

2026: Weiterer BGE-Arbeitsstand zu den rvSU, weitere Gebiete werden neu bewertet oder ausgeschieden.

Bis Ende 2027: Abschluss von Phase I, Vorschlag der BGE für Standortregionen zur übertägigen Erkundung. Dies ist der entscheidende Meilenstein – dann wird klarer, ob bayerische Gebiete im Rennen bleiben.

Nach 2027: Bundestag entscheidet per Gesetz über die Standortregionen. Regionalkonferenzen starten in betroffenen Gebieten – ein formelles Bürgerbeteiligungsformat.

Ab 2030er Jahre: Übertägige Erkundung, geophysikalische Untersuchungen, Tiefbohrungen an ausgewählten Standorten.

Frühestens 2074: Standortentscheidung (laut Öko-Institut-Studie unter idealen Bedingungen).


Was die Region jetzt tun kann

Wer im Bayerischen Wald lebt und das Thema verfolgt, muss nicht passiv abwarten. Einige konkrete Handlungsoptionen:

Informiert bleiben: Der BGE Endlagersuche Navigator (navigator.bge.de) zeigt interaktiv, wie das eigene Gebiet bewertet ist und welchen Status es hat. Die BGE veröffentlicht jährlich neue Arbeitsstände.

Mitmachen: Die Fachkonferenzen und später die Regionalkonferenzen sind formelle Beteiligungsformate. Wer sich einbringen will, sollte diese Gelegenheiten nutzen. Das BASE begleitet den Prozess mit Dialogangeboten.

Bürgerinitiative stärken: Die „Bürgerinitiative gegen ein Atommüllendlager im Saldenburger Granit e.V." ist die älteste und bekannteste Organisation in der Region, die sich diesem Thema widmet. Mitgliedschaft ist für wenige Euro möglich.

Vernetzt bleiben: Überregionale Netzwerke wie ausgestrahlt.de bieten Informationen, rechtliche Beratung und Vernetzung mit anderen betroffenen Regionen bundesweit.

Fachlich argumentieren: Der Widerstand gegen Gorleben hatte am Ende auch deswegen Erfolg, weil er sich auf Gegengutachten und wissenschaftliche Argumente stützte. Gleiches gilt hier: Je fundierter die regionalen Argumente, desto größer der Einfluss.


Fazit: Eine offene Rechnung der Atomkraft

Die Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Atommüll ist Deutschlands vielleicht größte ungerlöste Infrastrukturaufgabe – eine, die noch Generationen nach uns beschäftigen wird. Der Bayerische Wald ist kein gesicherter Kandidat, aber er ist auch noch nicht aus dem Rennen. Die Geologie spricht eher dagegen, der politische und gesellschaftliche Druck ist enorm – doch solange das wissenschaftliche Verfahren läuft, bleibt Wachsamkeit geboten.

„Das ist kein Thema für Saldenburg oder Thurmansbang alleine", sagt Martin Behringer, „sondern eines für mindestens den gesamten Bayerischen Wald." Er hat recht. Und die unterirdische Dimension eines möglichen Endlagers wäre tatsächlich gewaltig – 3,6 Quadratkilometer Fläche, Hunderte Meter in die Tiefe. Ein Jahrhundertprojekt, das keine Region leichtfertig in Kauf nehmen würde.

Der Müll existiert. Er muss irgendwo hin. Die Frage ist nur, wo – und auf welchem Wege diese Entscheidung gefällt wird.


Quellen: Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), BGE Endlagersuche Navigator (Stand November 2025), Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz, Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), Landratsamt Freyung-Grafenau, Öko-Institut Freiburg, BUND Naturschutz Bayern, da Hog'n Onlinemagazin, Tagesspiegel, taz, ZDF, bpb.de

Letzte Aktualisierung: März 2026